Welche Vorteile bringt das Spülen (Flush) vor der Ernte wirklich?
Traditionell gehen viele Grower davon aus, dass das Spülen (Flushing) in den letzten ein bis zwei Wochen vor der Ernte die Qualität der Blüten verbessert. Die Theorie besagt, dass durch den Entzug von Nährstoffen die Pflanze gezwungen wird, ihre internen Reserven zu verbrauchen, was zu einem weicheren Rauch und besserem Geschmack führen soll. Zudem wird oft angenommen, dass ungespültes Cannabis zu schwarzer Asche führt, während ein korrekter Flush weiße Asche erzeugt.
Neuere wissenschaftliche Untersuchungen stellen diese Annahmen jedoch infrage. Eine Blindverkostungsstudie von Rx Green Technologies ergab, dass Tester Blüten bevorzugten, die nicht gespült wurden (0 Tage Flush), im Vergleich zu solchen, die 7, 10 oder 14 Tage gespült wurden. Chemische Analysen zeigten zudem, dass das Spülen den Mineralgehalt in den Blüten kaum signifikant verändert und keinen Einfluss auf den THC-Gehalt oder die Terpenprofile hat. Auch der Mythos der weißen Asche wurde widerlegt: Die Aschefarbe hängt primär von der Verbrennungstemperatur und dem Trocknungsgrad ab, nicht vom Spülen. Ein tatsächlicher Vorteil des Spülens ist jedoch die Einsparung von Düngemitteln in den letzten Wochen, was die Produktionskosten senkt.
Schritt-für-Schritt: Wie führe ich das Spülen (Flush) vor der Ernte durch?
Wenn du dich für das Spülen entscheidest, ist das Timing entscheidend. Du solltest nicht nach Kalendertagen gehen, sondern den Reifegrad der Trichome beobachten. Beginne den Flush, wenn die Trichome milchig-trüb werden und die ersten bernsteinfarbenen Köpfe sichtbar sind.
Die Dauer hängt von deinem Medium ab:
- Erde: Spüle ca. 1-2 Wochen vor der Ernte, da Erde Nährstoffe länger speichert.
- Kokos (Coco): Spüle etwa 3-7 Tage, da das Substrat Nährstoffe schneller abgibt.
- Hydrokultur (DWC/Rezirkulierend): Ein Spülen von 1-2 Tagen reicht aus, da die Pflanzen sofort keinen Zugriff mehr auf Nährstoffe haben, sobald du das Wasser wechselst.
Gieße mit pH-reguliertem Wasser (ohne Nährstoffe) bis ca. 20 % Drain (Abfluss) entsteht, um überschüssige Salze auszuwaschen. Verwende dabei keine Enzyme oder Zusätze, es sei denn, es handelt sich um spezielle Spüllösungen.
Wann ist ein Spülen (Flush) bei Nährstoffproblemen sinnvoll?
Neben dem Endspülen ist das sogenannte „korrektive Spülen“ eine wichtige Technik bei Nährstoffblockaden (Nutrient Lockout) oder Überdüngung. Wenn der pH-Wert im Wurzelbereich falsch ist oder sich zu viele Salze angesammelt haben, kann die Pflanze keine Nährstoffe mehr aufnehmen.
In diesem Fall musst du das Substrat mit einer großen Menge pH-angepasstem Wasser durchspülen (oft das Dreifache des Topfvolumens), um die Salzansammlungen physisch auszuschwemmen. Miss den EC-Wert des ablaufenden Wassers (Runoff); das Spülen ist abgeschlossen, wenn der EC-Wert des Abflusses fast dem des frischen Wassers entspricht. Nach diesem Reset solltest du die Nährstoffzufuhr langsam (z. B. mit halber Dosis) wieder aufnehmen.
Welche Fehler sollte ich beim Spülen (Flush) vermeiden?
Der häufigste Fehler ist ein zu früher Start. Wenn du zu früh spülst (z. B. 4 Wochen vor der Ernte), entziehst du der Pflanze Nährstoffe, während sie noch Masse aufbaut. Dies kann zu Ertragseinbußen und verringertem Wachstum führen. Studien zeigten, dass Pflanzen, die 14 Tage lang gespült wurden, vergilbte und nekrotische Blätter aufwiesen, was die Vitalität unnötig einschränkte.
Ein weiterer Fehler ist das Vernachlässigen des pH-Werts während des Spülens. Auch beim Gießen mit reinem Wasser muss der pH-Wert stimmen (Erde: 6.0-6.8; Hydro: 5.5-6.5), um Schocks und unerwünschte Reaktionen im Boden zu vermeiden. Zudem ist das Spülen bei organischem Anbau („Super Soil“), wo die Pflanzen Nährstoffe über Mikroorganismen beziehen und nicht direkt über Flüssigdünger, meist unnötig und kann das Bodenleben stören.